Sonderausstellung

Max-Pechstein-Förderpreis der Stadt Zwickau 2019

01.09. bis 27.10.2019

Im Jahr 2019 wird der mittlerweile überregional anerkannte Kunstpreis der Stadt Zwickau zum 9. Mal ausgelobt. Im Sinne des in Zwickau geborenen Künstlers Max Pechstein (1881-1955), der zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Speerspitze der künstlerischen Avantgarde gehörte, wird neben dem Ehrenpreis alle zwei Jahre seit 1995 ein Förderpreis sowie seit 2007 zusätzlich ein Stipendium an junge Künstler (bis 35 Jahre) vergeben, die von namhaften Kuratoren vorgeschlagen werden. Die Ausstellung der fünf nominierten Künstler spiegelt die Vielfalt unserer Gegenwartkunst und ermöglicht anregende Diskussionen.

Dialoge

Die Ausstellung zum Max-Pechstein-Förderpreise ermöglicht einen spannenden Ausschnitt auf die aktuellen Diskurse in der jungen Gegenwartskunst. Sie ist sozusagen eine Momentaufnahme der vielfältigen künstlerischen Gestaltungsmittel und Themen, mit denen sich die jüngste Künstlergeneration beschäftigt. Immer wieder haben wir in den letzten Jahren festgestellt, dass bestimmte Fragen, die uns ganz aktuell in der Gesellschaft berühren, von den jungen Künstlerinnen und Künstlern unmittelbar aufgegriffen werden. Die einzelnen Beiträge der diesjährigen Preiskandidaten stellen Fragen nach dem Zusammenleben, nach Kommunikation, nach der Herkunft. Sie spiegeln die allgemeine oder die ganz individuelle Lebens- und Erfahrungssituation und die Komplexität unserer Zeit mit ganz unterschiedlichen ästhetischen Ansätzen.

In der großen Eingangshalle präsentiert Annika Kahrs die Klang- und Videoarbeit the lord loves changes, it’s one of his greatest delusions. Die Arbeit geht auf die Auseinandersetzung mit dem Werk des afroamerikanischen Komponisten, Musikers und Performers Julius Eastman (1940-1990) zurück, der seine minimalistischen Kompositionen mit politischen, ökonomischen und religiösen bzw. spirituellen Aussagen verknüpft hatte. Für ihre Arbeit greift Annika Kahrs nun auf ein Stück von Eastman zurück, in dem die Melodie des Luther-Chorals Ein feste Burg ist unser Gott (vermutlich Ende 1527) Verwendung fand. Der Choral, der sozusagen als Protestlied der Reformationsbewegung gilt, wurde aber auch in späteren Zeiten und anderen politischen wie gesellschaftlichen Kontexten immer wieder umgedeutet.
So spiegelt für Kahrs dieses Musikstück eben nicht nur einen einzigen Kontext wider, sondern steht vor allem bezeichnenderweise für die ständige Verschiebung, Übersetzung und Umdeutung unterschiedlicher Machtstrukturen innerhalb eines gesellschaftlichen Raum-Zeit-Gefüges.
Aus Eastmans Stück und des Chorals selbst hat Annika Kahrs wiederum ein Orgelstück arrangieren lassen. Gemeinsam mit dem in London lebenden Komponisten Louis d’Heudieres wurde das Stück so konzipiert, dass ein Chor aus 26 PerformerInnen mit und gegen diese Orgelmusik anpfeifen kann. So tritt das kollektive menschliche Pfeifen gegen das mechanische Pfeifen der Orgel an. Über einen längeren musikalischen Prozess findet so ein Changieren zwischen melodischem Pfeifen und protesthafter Geste, bis hin zur sichtlichen körperlichen Erschöpfung, statt.

Interior Parkour ist die Bestandsaufnahme einer performativen Auseinandersetzung mit Wohnverhältnissen in Köln-Mülheim, dem Viertel, in dem Elsa Artmann & Samuel Duvoisin leben. Sie laden sich zu Kurzresidenzen in die Privatwohnungen ihrer Nachbarn ein, verändern die Räume, indem sie den im Köln-Mülheimer Sperrmüll reichlich zu findenden Pressspan neu installieren und führen performative Begehungen durch. Im Wohnen materialisieren sich soziale Differenzen. In Mülheim, als ein Viertel, in dem Menschen mit ungleichen sozioökonomischen Ressourcen in Nachbarschaft leben, wird die aktuelle Wohnraumdiskussion besonders deutlich. Die unterschiedliche Nutzung des Viertels lässt die Lebenswirklichkeit der jeweils anderen sozialen Gruppe leicht zur Kulisse werden. Artmann und Duvoisin nutzen in ihrer künstlerischen Praxis die Methoden des Tanzes und der Performance, beziehen aber gleichermaßen die Malerei mit ein. In Interaktion mit den architektonischen Gegebenheiten wird der Tanz zum künstlerischen Mittel, das die körperliche Dimension sozialer Verhältnisse unmittelbar erfahrbar macht. Die so aufkommenden Situationen und Themen sind im Ausstellungsraum in Anweisungen formuliert, bestimmte, auf den ersten Blick absurde wie spielerische Handlungen auszuführen. Die Anweisungen („Scores“) schlagen Handlungen vor, deren (imaginative) Ausführung Anlass zum Nachdenken über bestehende oder zum Einüben anderer Verhältnisse bieten soll. Ein performativer Parkour entsteht, der eine Perspektivenverschiebung vom autonomen Subjekt zur Beziehung ermöglicht.

Die Installation Alternativen für Duland von Kasia Fudakowski bezieht sich humorvoll wie spielerisch auf Kierkegaards berühmtes Buch Entweder – Oder, das die konkreten Probleme des menschlichen Handelns beschreibt. Der Mensch muss sich immerzu entscheiden und jede Entscheidung hat Konsequenzen für unser Leben. Dabei analysiert Søren Kierkegaard (1813-1855) zwei Lebensanschauungen: die ästhetische, die das Streben nach größtmöglichem Lebensgenuss bedeutet, und die ethische, die ein Handeln vor dem eigenen Gewissen einfordert. Auch in Kasia Fudakowskis Arbeit muss der Betrachter verschiedene Entscheidungen während des Betretens und Verlassens der Installation treffen. Er hat die Freiheit sich zu entscheiden, durch welche der 32 mit Instruktionen oder Beschreibungen versehenen Türen er tritt. Die auf den Türen verwendeten Wortsequenzen (Du musst – Du darfst – rein – raus – bleiben – kommen usw.) beziehen sich auf den Anfänger-Lernwortschatz der Deutschen Sprache, mit dem sich die in London geborene Künstlerin im Zusammenhang mit der jüngst erworbenen deutschen Staatsbürgerschaft erneut auseinandergesetzt hat. Im Zentrum der Installation befindet sich ein behördenartiger Warteraum. Hier werden mittels Kataloge und Videos weitere Alternativen für das Duland (Du-Land) angeboten. Die Künstlerin stellt so auf ironische Weise die eigene, individuelle Position in einen sozialen, nationalen, linguistischen und ebenso politischen Zusammenhang, der sich gerade auch an einem Tag wie der Landtagswahl in Sachsen am 1. September 2019 erschließt.

In seiner performativen Arbeit setzt Simon Pfeffel einen Dialog zwischen dem Künstler und den Betrachtern oder Passanten in Gang, der durch irritierende wie spielerische Handlungen ausgelöst wird.  So eignet sich der Künstler in einer auch körperlich anstrengenden Expedition den öffentlichen Stadtraum Zwickaus an, in dem er liegend auf einem Rollwagen den Weg über Kopfsteinpflaster und Asphalt zum Museum über einen Spiegel filmt oder seinen Ehering vor sich herschiebt, damit sich Zwickau in diesen einschreibt. Um in Kontakt mit potentiellen Akteuren für seine Aktionen und Performances zu treten, macht er seine private Handynummer öffentlich. Sie steht auf einem Plakat am Museum oder auf Jacken im Ausstellungsraum. Jederzeit ist so die Verbindung zum Künstler möglich, auch wenn die körperliche Präsenz nicht vorhanden ist. Der Anrufer kann direkt in einen Dialog treten – der „direkte Draht“ ist auch über eine große Distanz hinweg möglich. Während der Laufzeit der Ausstellung ist Simon Pfeffel in Barcelona und wird über das Handy mit den Anrufern aus Zwickau kommunizieren. So können verschiedene Interaktionen im Zwickauer Ausstellungsraum oder im Stadtraum mit dem öffentlichen Raum in Barcelona entstehen, in denen der Künstler menschliche Beziehungen aufbaut, deren Komplexität über die Dauer der auszuführenden Handlungen und vor allem über die Perspektivenverschiebungen erfahrbar ist.

In ihrer Inszenierung DDR Noir. Schichtwechsel setzt sich die in Zwickau geborene Henrike Naumann mit ihrer Herkunft und der eigenen Familiengeschichte auseinander. Über die Beschäftigung mit ihrer persönlichen Sozialisation in der DDR sowie mit dem Leben und dem künstlerischen Werk ihres Großvaters Karl Heinz Jakob, stößt sie auf allgemeine Fragestellungen, die eine ganz aktuelle Relevanz bekommen. Die Auseinandersetzung mit der Kunst ihres Großvaters und damit der Kunst in der DDR – zwischen Förderung und Bevormundung – führt Henrike Naumann zu der Frage nach dem Umgang mit dem Erbe der DDR. Die im privaten Raum entstandenen Gemälde Karl Heinz Jakobs der späten 1950er und frühen 1960er Jahre, auf denen der Künstler selbst, die Ehefrau oder die Tochter zu sehen sind, arrangiert sie mit postmodernem Mobiliar der 1990er Jahre, das massenhaft in die ostdeutschen Wohnzimmer der Nachwendezeit gezogen ist. Mit diesem Verdrängungsprozess konfrontiert uns die Künstlerin auf ungewöhnliche Weise und thematisiert über die ästhetischen Brüche gleichermaßen die Verwerfungen in unserer deutsch-deutschen Gesellschaft, die – 30 Jahre nach dem Mauerfall – noch immer zu spüren sind.